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Tell me the truth – Wahrheit oder Lüge?

Lüge oder Wahrheit

Es ist wieder so ein richtig stürmischer und trüber Herbsttag, ein Wind mit starken Böen biegt die Bäume zur Seite, das Laub wirbelt durch die Gegend, auch vereinzelte Teile fliegen bei diesen Windstärken durch die Luft. Ein Tag also, an dem ich das Haus am besten nicht verlasse und mich gerne im warmen und kuscheligen Heim verschanze und was da perfekt dazu?

Natürlich eine kleine Plauderstunde mit köstlichem Tee und leckerem Kuchen und vor allem mit einem lieben Menschen, den ich schon länger nicht gesehen habe, mit dem Treffen aufgrund der Ferne nicht so oft vorkommen, wo das letzte Beisammensein sicher schon einige Jahre zurückliegt.

So gemütlich und entspannt unser Gespräch auch beginnt, so wird es dann doch ziemlich aufregend und aufwühlend. Aber mal von vorne weg – beim Austausch der Neuigkeiten kommt die Rede auch auf ihre Freunde und hier hat sie Trauriges zu berichten: sie hat durch Zufall entdeckt, dass ihr Freund sie hintergangen hat. Was sie an dieser schlimmen Angelegenheit jedoch auch sehr schockiert, dass einige Freunde davon Bescheid gewusst und ihr dies nicht gleich gesagt haben. So sind zum Betrug durch den Freund für sie auch noch die Enttäuschung über das Verschweigen, der Vertrauensverlust durch das Zurückhalten durch die Freunde dazugekommen. Das Verschweigen der Wahrheit hat hier für sie traurige und schwerwiegende Folgen gehabt.

 

Verschweigen

Wenn ich diese Geschichte so höre, dann möchte ich spontan das Zurückhalten der Wahrheit verurteilen und als verwerflich bezeichnen. Was sind das für Freunde, die sie nicht auf den Betrug hinweisen? Wie kann man nur nicht gleich direkt die Wahrheit sagen? Wie kann man diese Tatsache bloß verschweigen?

Doch ist das wirklich in allen Fällen so? Ist die schonungslose Wahrheit wirklich immer besser als hin und wieder etwas zu verschweigen? Wenn wir uns die Bedeutung des Wortes „verschweigen“ anschauen, dann stoßen wir auf Wörter wie „verheimlichen“, „bewusst nicht sagen“, „geheim halten“, „vertuschen“, „vorenthalten“. Diese Wörter drücken indirekt etwas leicht negativ Angehauchtes aus.

Bei genauerer Betrachtung erscheint mir die Antwort dann doch plötzlich nicht mehr so eindeutig – ja, in manchen Fällen kommt es mir sogar – aus den verschiedensten Gründen – besser vor, die Wahrheit nicht rauszuposaunen, sondern einfach nichts anzumerken und etwas für sich behalten:

  • Muss ich meiner Freundin sagen, dass sie in ihrem Kleid dicker aussieht, wenn sie ohnehin immer mit ihrem Gewicht hadert?
  • Muss ich meinen Partner hinweisen, dass seine Suppe heute nicht so wirklich gut gelungen ist?
  • Muss ich meiner Tante sagen, dass mir ihr Geschenk nicht gefällt?
  • Muss ich meinem Bekannten sagen, dass seine Feier langweilig ist?

 

Lüge oder Wahrheit

 

In diesen Fällen bringt das Verschweigen, das bewusste Zurückhalten weder der betroffenen Person noch mir einen Vorteil. Warum soll ich also etwas Negatives sagen, wenn ich nicht explizit gefragt werden, wenn es dem anderen nichts bringt, wenn es keinem nützt? Ja, die Wahrheit führt wahrscheinlich nur zu einer vermeidbaren Verletzung eines Menschen, zu einer unnötigen Kritik am anderen.

Beim Verschweigen der Wahrheit wird jemand im Gegensatz zu einer Lüge bewusst nicht aktiv, er verhält sich zurückhaltend und kommt bei einem Hinweis vielleicht mit dem Argument „Es hat mich keiner danach gefragt“ um die Ecke.

 

Schummeln

Im Gegensatz zum Verschweigen wird jemand beim Schummeln absichtlich aktiv – der Grund dahinter sei mal hintenan gestellt – und berichtet falsche Aussagen und Unwahrheiten. So hat es vor einigen Jahren – als mein Patenkind noch ein kleiner Knirps von ungefähr fünf Jahren gewesen ist – eine kleine Begebenheit gegeben.

Wir beide verbringen einen gemütlichen Spieltag und haben viel Spaß an allen möglichen Aktionen, als der Kleine plötzlich vernehmen lässt: „Weißt du schon, dass ich jetzt eine Schlange habe.“ – OK, aber im gleichen Augenblick ist mir natürlich klar, dass dies auf keinen Fall so ist und nicht den Tatsachen entspricht. Da geht es auch schon weiter: „Die Schlange isst immer Nudeln und Schnitzel“ – Aha, jetzt wird es also richtig interessant und so folgt auch schon „Aber frag nicht die Mama!“. Soso – nicht die Mama fragen, dem kleinen Schlingel ist also sehr wohl bewusst, dass seine Aussagen nicht der Wahrheit entsprechen, dass mit einer Nachfrage bei seiner Mutter seine Schwindelei ans Tageslicht kommen wird, dass dann seine unkorrekten Aussagen widerlegt werden.

Dazu gibt es doch auch diese Kindergeschichte von Pinocchio und Meister Geppetto, in der die Unwahrheit eine große Rolle spielt. Immer wenn Pinocchio nicht die Wahrheit sagt, dann wächst seine Nase ein großes Stück, sie wird immer länger und länger und ist somit ein für alle sichtbares Kennzeichen, dass er gelogen hat, dass seine Aussage nicht stimmt. So wendet sich Pinocchio im Laufe der Geschichte vom Lügen schließlich ab und dem Leser wird durch diese Symbolik vermittelt, dass Unwahrheiten Folgen haben, dass sie aufgedeckt werden und nicht ungestraft bleiben.

 

Lüge oder Wahrheit

 

Aber jetzt stellen wir uns einmal vor, wenn plötzlich jeder die Wahrheit sagt und zwar nur die reine und ungeschönte Wahrheit, wie würde sich das auf unserer Zusammenleben auswirken:

Um noch bei den Kindern zu bleiben, die Lügen der Erwachsenen fangen doch meist hier schon an. Das Kind fabriziert mit seinen neuen Buntstiften eine Zeichnung und trägt sich voller Stolz zu den Eltern. Obwohl außer ein paar bunten Flecken auf dem Blatt nichts zu erkennen ist, loben die Eltern den Nachwuchs für seine Zeichenkünste.

Es handelt sich hierbei um keine bewusste Täuschung, sondern um einen Beschönigung, um das Kind nicht zu enttäuschen und zu verletzten. Ist das jetzt eine sträfliche Lüge? Wäre es hier besser, dem Kind die Freude an seinem Kunstwerk zu nehmen und auf mangelnde Malfähigkeiten hinzuweisen?

 

Wahrheit oder Lüge?

Es gibt eine Frage, die bestimmt die meisten schon einmal nicht wahrheitsgemäß beantwortet haben, bei der wir geschummelt oder einfach die Wahrheit verschwiegen haben. Wie oft werden wir doch bei einem zufälligen Zusammentreffen, bei einem Telefonat, in einem Smalltalk, bei einem geschäftlichen Meeting gefragt, wie es uns geht. „Wie geht es dir?“ – und was antworten sehr viele darauf?

Einige der häufigsten Antworte sind natürlich:

  • „Danke, mir geht es gut“
  • „Alles bestens“

eventuell auch mal mit Erweiterungen wie

  • „Zurzeit viel zu tun, aber ansonsten sehr gut“
  • „Die Erkältung ist vorbei und wieder alles in Ordnung“.

 

Hier bedienen sich die meisten oft einfach einer Phrase oder habt ihr schon da schon Antworten erhalten wie „Mir geht es total mies und ich fühle mich wertlos“, „Ich bin total mit meiner Arbeit überfordert und total planlos“, „Ich habe finanzielle Sorgen“?

Da es sich hierbei ohnehin oftmals nur um eine Höflichkeitsfrage handelt, ist meiner Meinung nach eine Pauschalantwort auch passend, denn wer will schon etwa beim Smalltalk seine Probleme diskutieren, mit denen das Gegenüber dann wahrscheinlich ohnehin überfordert ist. Auf eine tiefgreifende Antwort auf diese Alltagsfrage „Wie geht es dir?“ sind die wenigsten Menschen vorbereitet.

 

Lüge oder Wahrheit

 

Ich denke, dass hier allgemein zwischen „Kleinigkeiten“ oder Beschönigungen und bewusstem Täuschen mit böser oder nachteiliger Absicht unterscheiden muss:

  • Die kleinen Schummeleien werden oftmals aus Mitgefühl, aus Liebe und Rücksicht eingesetzt – sie tragen dazu bei, dass andere nicht unnötig enttäuscht, beleidigt oder verletzt werden.
  • Lügen, die bewusst nur dazu verwendet werden, sich auf Kosten anderer einen Vorteil zu verschaffen, die anderen einen Schaden zufügen, die in böser Absicht geäußert werden und die anderen Leid bringen, sind natürlich zu verurteilen.

 

Meist ist es meiner Meinung richtiger die Wahrheit zu sagen, manchmal ist es für das soziale Gefüge, für ein schönes Miteinander besser, mit einem kleinen Augenzwinkern zu flunkern und manchmal sollte die Wahrheit überhaupt verschwiegen werden, um unnötige Verletzungen zu vermeiden.

 

Nun aber genug dahingeplappert:
Wie siehst du das? Wo ist bei dir die Grenze zwischen Verschweigen, Schummeln und Lügen? Wann wird für dich Verschweigen zur Lüge? Welche Lügen oder Schwindeleien sind für dich in Ordnung? Könntest du dir ein Leben komplett ohne Lügen vorstellen?