Gedankenplauderei

Wait, wait, wait – haben wir verlernt zu warten?

StreetArt-Wonderfulfifty

Jetzt stellt euch einmal vor – ihr zwinkert einmal mit den Augen und schon sind fast zwei Monate des neuen Jahres vorbei, einmal ein- und ausatmen und schon sind acht Wochen vorübergezogen. Genauso läuft es zurzeit bei mir, denn genauso wie der Jänner ein ganz wunderbarer Monat für mich war – ja, obwohl Winter, obwohl kalt und nebelig, obwohl stürmisch und regnerisch, habe ich diesen Monat heuer wirklich nur genossen und eine wunderbare Zeit verbracht – also genauso wie der Jänner in rasanter Fahrt verlaufen ist, so hat mich auch der Februar mit einem Turbotempo überrascht und die Momente, die Stunden und Tage verfliegen weiterhin wie im Flug und wir nähern uns bereits dem März und dem Frühlingsbeginn. Trotzdem möchte ich heute nochmals kurz in die Vorweihnachtszeit zurückblicken – ich kann mir jetzt so richtig eure großen verwunderten Augen und euer ungläubiges Kopfschütteln vorstellen, aber da es sich im Grunde um etwas Alltägliches handelt, passt es doch auch irgendwie jetzt.

So nun aber mal zu diesem Erlebnis – ich war in der Spielzeugabteilung und plötzlich hörte ich ein kleines Kind ganz wütend schreien „Ich brauche diese Puppe jetzt sofort“. Auch die Mutter schien bereits etwas genervt „Wenn du in der nächsten Zeit immer ganz  brav bist, dann bekommst du sie sicher vom Christkind“. Doch die Kleine wollte davon nichts wissen, im Gegenteil – jetzt stapfte sie empört mit dem Fuß auf und brüllte „Diese Puppe muss mit, die brauche ich ganz dringend und zwar jetzt. Ich kann nicht bis zum Christkind warten.“ Alle Einwände der Mutter „Bis Weihnachten ist es doch gar nicht mehr lange“, „Du musst nur mehr ein paar Wochen warten“, „Du wirst sehen, die Zeit vergeht ganz schnell“ wurden abgeschmettert und es folgten schließlich auch Ausrufe wie „Du bist blöd“, „Papa würde mir die Puppe sofort kaufen“. So ging das eine Weile zwischen den beiden hin und her und ich glaube, ich muss euch nicht noch extra erzählen, wer den Sieg in diesem Disput davon getragen hat und dass die Puppe schlussendlich mitgenommen wurde.

 

Warten oder nicht warten

Genauso wie die Kinder nicht warten können oder vielleicht besser gesagt wollen, ist es doch auch immer wieder bei vielen Erwachsenen. Wenn es mir in der Nacht einfällt, dann kann ich aufstehen und online direkt einen neuen Laptop bestellen – ich muss nicht warten, bis es Morgen ist, bis die Geschäfte öffnen. Ich habe jederzeit Zugriff auf alle möglichen Produkte. Gut, es kommt hier vielleicht noch die Lieferzeit dazu, aber im Prinzip haben wir heutzutage vieles immer und sofort zur Verfügung. Das wird den Menschen gerne so vermittelt und auch die Werbung setzt an diesem Punkt an.

StreetArt-Wonderfulfifty

Warum sparen und auf die Anschaffung eines neuen Fernsehers warten, wenn durch einen Konsumkredit dieser gleich mitgenommen werden kann?

Warum auf die tolle Urlaubsreise warten und sie erst im kommenden Jahr antreten, wenn sie doch auch durch Raten finanziert werden kann?

In diesem Nicht-Warten-Wollen steckt für mich auch eine für so manche nicht unerhebliche Gefahr, eine Versuchung, der sie dann nicht wiederstehen können. Die vielen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, müssen doch nicht alle sofort und prompt genutzt werden, es muss doch auch nicht alles sofort zur Verfügung stehen – sie müssen doch nicht alles sofort haben. Gut überlegen, gut wählen und darauf kann man dann gegebenenfalls auch warten.

Doch auch im Alltag gibt es ständig Situationen, in denen wir warten müssen, sei es im Stau, an der Kasse, bei der Behörde, am Bahnhof – das ist auch so richtig schön auf dem Flughafen zu beobachten. Zuerst wird gewartet bei der Gepäckaufgabe oder auch auf das Einchecken, wenn das nicht bereits online erledigt wurde, dann wird bei den Sicherheitskontrollen angestellt, es wird bei der Passkontrolle gewartet und ist man schließlich am Gate angelangt, dann wird auf das Boarden gewartet. Am Ende der Reise stehen die Menschen wieder mal Schlange – dieses Mal vor dem Gepäckband und warten auf ihre Koffer. Zuerst noch erholt und zufrieden beobachten sie das Band, schauen dazwischen immer mal wieder auf die Uhr. Wann geht es denn endlich los? Wie lange dauert das heute wieder? Schließlich setzt sich das Förderband in Gang und das erste Gepäckstück erscheint. Vereinzelt tauchen weitere Koffer auf und die ersten ungeduldigen Blicke richten sich auf den Auslass, aus dem nun weiteres Gepäck herauskommt. Wann kommt eigentlich endlich das eigene Stück – wie lange muss ich hier noch warten?

 

Wartezeit

Auch wenn die meisten Menschen die Wartezeit als verschwendete Zeit betrachten, so haben wir doch nicht wirklich Einfluss darauf – wir können nicht bestimmen, wie schnell sich die Schlange bei der Supermarktkasse bewegt, ob der Zug pünktlich kommt, wann wir die Lieferung vom Online-Shop erhalten. Das vermittelt uns eigentlich auch etwas das Gefühl von Ohnmacht – wir können nichts dafür oder dagegen tun, wir können einfach nur warten, bis ein Ereignis eintritt. Dabei denken wir vielleicht daran, was wir in dieser Wartezeit alles erledigen könnten, was wir jetzt lieber machen würden und ärgern uns auch wegen der vergeudeten Zeit. Manche Menschen haben für mich in solchen Situationen eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Rumpelstilzchen, wenn sie so von einem Fuß auf den anderen hüpfen, wenn ihre Gesichtszüge immer mehr Verbissenheit annehmen und ihnen der Umut aus allen Poren strömt.

Aber seien wir dabei doch mal ehrlich, wenn wir an der Supermarktkasse einige Minuten langsamer sind, dann hat dies doch nicht wirklich gravierende Auswirkungen auf unser Leben, in diesen zwei, drei oder vier Minuten hätten wir nicht so besondere und wesentliche Dinge erledigt, die den Ärger rechtfertigen. Daher vielleicht ein anderes Mal dem kleinen Jungen vor uns ein Lächeln schenken, der Kassiererin einen schönen Tag wünschen. Für uns ist das kein Zeitverlust, aber dennoch trägt es auch für uns selbst zu einer positiven Stimmung bei, wenn wir uns nicht zu sehr unter Druck setzen und das Anstellen an der Kassa nicht nur als lästig sehen.

Es lässt sich derzeit noch nicht vermeiden, also nicht darüber aufregen, sondern als gegeben hinnehmen und uns nicht die Laune verderben lassen, wenn wir anscheinend doch wieder in der langsameren Schlange gelandet sind. Ja, warum ist das jetzt eigentlich wirklich so, dass sich immer die Menschen an der Nebenkassa schneller bewegen?!?

 

Time is money

Zeit ist ein wichtiges Gut, Zeit muss richtig genutzt werden, Zeit darf nicht verschwendet werden – diese Gedanken schwirren durch unser Leben und der Ausspruch „Zeit ist Geld“ von Benjamin Franklin ist wohl auch ein Grund, warum das Warten so sehr als lästig empfunden und mit Ungeduld betrachtet wird.

StreetArt-Wonderfulfifty

Wartezeit wird meist als unproduktive Zeit angesehen. Jeder will seine Zeit selbst einteilen und planen, sei es nun für den Beruf oder auch im Privatleben und Warten unterbricht unseren Fluss, stört unseren Plan und bringt uns aus dem Konzept, weil wir darauf selbst ja gar keinen Einfluss haben, wie etwa wenn wir beim Projekt auf die Antwort des Kollegen warten müssen, wenn wir auf die Freigabe des Chefs warten müssen, wenn wir die Meinung des Kunden abwarten müssen.

Um jetzt nochmals auf das Flugzeug zurückzukommen – hier gibt es dann die Business-Class und die First-Class, die ein schnelleres Boarding und ein besonderes Service bieten. Außerdem gibt es bei Veranstaltungen VIP-Eingänge, es gibt Privatärzte, es gibt spezielle Arrangements, mit denen Menschen versuchen, die Wartezeit zumindest größtenteils zu umgeben, wo sie sich mit finanziellen Mitteln eine bevorzugte Behandlung verschaffen, wo sie sich quasi durch Geld Zeit erkaufen und vielleicht auch etwas ihre eigene Wichtigkeit darstellen wollen – so nach dem Motto: ich bin wichtig, meine Zeit ist besonders viel wert und ich brauche daher nicht so lange oder überhaupt nicht zu warten.

 

Sinnvolles Warten

Manchmal ist das Warten aber nicht wirklich lästig, manchmal bekommt es dann doch eine andere Bedeutung und es ist in gewisser Weise auch nützlich. Die Meisten haben es doch sicher schon miterlebt, dass ein neues Update oder ein Release für ein Betriebssystem, für eine Software herausgegeben worden ist und dann haben gewohnte Funktionen nicht mehr das gewünschte Ergebnis gebracht, dann waren die entsprechenden Funktionalitäten nicht mehr gegeben. In diesen Fällen ist es wohl meist besser, mit der Installation der Neuerungen etwas zu warten und der Entwicklung etwas Zeit zu geben. Natürlich will ich keinen davon abhalten, Sicherheitsupdates sofort einzuspielen – das Schließen von Sicherheitslücken hat immer oberste Priorität. Aber es gibt immer wieder Zusatzfunktionen, die nicht wirklich ausgereift sind und da muss ich nicht die Testperson an vorderster Front sein.

Genauso gibt es auch immer wieder neue Produkte, die auf dem Markt erscheinen und groß beworben werden, aber dann doch sogenannte „Kinderkrankheiten“ aufweisen – hier ist es für mich ebenfalls empfehlenswert, nicht gleich die ersten Stücke anzuschaffen und praktisch zu den Testern zu zählen. Mal sehen, wie sich eine Entwicklung darstellt, wie ihr weiterer Verlauf ist und ihr die Möglichkeit geben, sich zu verbessern und zu festigen.

 

Warten auf wen oder was

Doch es gibt auch andere Formen des Wartens, in gewisser Weise schöne Formen des Wartens und zwar dann, wenn wir einem schönen Ereignis entgegensehen. Das Warten ist zwar immer noch lästig und es gibt wohl so gut wie keinen, der sagt „Warten macht mir Spaß“ – dennoch gibt es hier Unterschiede. Es ist also sehr wohl mitentscheidend, worauf wir warten oder auch auf wen wir warten.

Wenn wir auf den Handwerker warten, weil der Kühlschrank defekt ist, so ist das meist einfach nur lästig und wir sind ungeduldig, wenn das Problem nicht möglichst schnell behoben wird. Oder noch schlimmer, wir hängen beim Internetanbieter in der Dauerschleife und hören nach einer halben Stunde noch immer den Text „Einen kleinen Moment bitte – wir sind gleich für sie da“.

Andererseits gibt es auch Dinge und vor allem Menschen, auf die wir eigentlich gerne warten. Ein Treffen mit der Freundin am Wochenende – ja, auch darauf warten wir, aber es ist ein schönes Warten, Vorfreude auf ein paar gemütliche Stunden begleiten unsere Gedanken und wir genießen die Aussicht auf eine entspannte Zeit. Dabei malen wir uns dieses Zusammensein schon mal aus, wir sehen den köstlichen Kuchen vor uns, wir hören die dezente Musik, wir spüren die wunderbare Stimmung und freuen uns auf die interessanten Gespräche. So kann in diesem Fall das Warten, dieses eigentlich Unerwünschte selbst schon zu guter Laune und zu einem Wohlgefühl führen und dabei ist es egal, ob wir auf das Treffen jetzt einen Tag, zwei Tage oder auch eine Woche warten müssen. Es kommt dabei nicht darauf an, wie lange wir warten, sondern eigentlich nur darauf, auf wen oder auf was wir warten. Und wenn sich unsere Freundin schließlich meldet „Ich stehe im Stau und komme etwas später“, dann ärgern wir uns auch nicht, sondern sagen doch nur „Ich warte doch gerne auf dich!“.

StreetArt-Wonderfulfifty

Warten, ein gezwungener Stillstand, eine Unterbrechung ist für uns natürlich nicht erwünscht – denn wenn wir auf etwas warten, dann konzentrieren wir uns doch meist nur auf die Zukunft und wollen die aktuelle Situation möglichst schnell vorbei haben. Aber darauf haben wir halt keinen Einfluss und so sehr wir uns auch ärgern und so sehr wir uns auch aufregen, es ändert nichts an den Gegebenheiten.

Daher vielleicht in solchen Fällen den Blick auf den Augenblick lenken – ich kann doch hier genauso in meinem Buch lesen, ich kann hier genauso eine Folge auf Netflix streamen, ich kann mich hier genauso entspannen und meine Gedanken schweifen lassen – trotzdem wehren sich viele Menschen dagegen und ich denke, die Ursache liegt darin, dass sie sich nicht selbst dazu entschlossen haben, dies jetzt zu machen, sondern dass sie aufgrund einer Wartezeit zu diesen Aktivitäten greifen. Sie wollen damit die Langeweile vertreiben und quasi die Zeit totschlagen.

Dabei handelt es sich hierbei genauso um wertvolle Lebenszeit, um Zeit, die danach unwiederbringlich verstrichen ist, warum also nicht positiver darangehen, sich über diese Auszeit vielleicht nicht unbedingt freuen, sie aber doch für uns so angenehm wie möglich und trotz allem zu einer schönen Zeit zu machen.

 

So, jetzt ist es an mir zu warten und zwar auf deinen Kommentar – ich freue mich schon total auf deine Erfahrungen: also ran an die Tastatur und her mit deiner Meinung.
Wann hast du dich das letzte Mal so richtig geärgert, weil du warten musstest? Bist du ein eher geduldiger Mensch, der sich auch von einer Wartezeit nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt oder fühlst du dich dadurch eher eingeschränkt oder vielleicht auch fremdbestimmt? Hat es vielleicht auch schon mal eine Situation gegeben, wo das Warten etwas Gutes oder Schönes gebracht hat?