Gedankenplauderei, Österreich

Auf den Spuren von Sisi – ich gehör nur mir

Schönbrunn-Wonderfulfifty

Die Überschrift gibt ja schon Aufschluss, worüber es heute geht und darum starten wir auch gleich mit einer Frage: Wenn ihr den Namen „Sisi“ hört, was fällt euch dazu ein? Welche Eindrücke, welche Bilder schießen euch dann gleich mal durch den Kopf?

Ja, ich könnte mir vorstellen, dass wohl bei den Meisten besonders ein Bild in den Vordergrund tritt und zwar das einer hochgewachsenen Frau in einem pompösen weißen Kleid, das mit goldenen Sternen übersät ist und dazu lange dunkle Haare, die gesteckt und geflochten über den Rücken fallen und mit weißen Blütensternen verziert sind. Ein Bild, das wir immer wieder überall im Zusammenhang mit dieser österreichischen Kaiserin sehen und das weit über unsere Landesgrenzen bekannt geworden ist. So haben wir dies etwa auch in Japan erlebt, wo die Menschen ganz begeistert von dieser Kultur sind und davon träumen, auch mal im Schlosspark von Schönbrunn auf Sisis Spuren zu wandeln.

Einen wohl großen Beitrag zu diesem Mythos über die Kaiserin Elisabeth hat im deutschsprachigen Raum sicher auch die Sissi-Trilogie geleistet, österreichische Historienfilme aus den 50-er Jahren, in denen das Leben und das Handeln der Kaiserin besonders idyllisch, rührend und kitschig-gefühlvoll und dabei mit sehr viel künstlerischer Freiheit dargestellt wird.

 

Elisabeth in Schloss Schönbrunn

Wir dürfen heute eine andere Seite an unserer ehemaligen Kaiserin kennenlernen, Eigenschaften, über die ansonsten nicht so häufig berichtet wird, die vielen auch nicht wirklich bewusst sind.

Dazu geht es an diesem einfach wunderbaren Sommerabend zum Musical „Elisabeth“ – der Wettergott meint wirklich gut mit uns, ein lauer Abend breitet sich über dem Schloss Schönbrunn aus, die Hitze des Tages geht in ein herrliches Abendflair über, das perfekte Ambiente, um diese Open-Air-Aufführung zu genießen. Wir hören schon aus der Ferne die Klänge der Musiker, die ihre Instrumente stimmen, die Beleuchtung der Bühne erhellt den Schauplatz und eine farbenprächtige Farbschattierung ruht auf dem alten historischen Bauwerk im Hintergrund.

 

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Voller Vorfreude nehmen wir auf unseren Plätzen im Ehrenhof des Schlosses Platz und fühlen uns wie bei der Kaiserfamilie eingeladen. Dann setzt das Orchester ein, der Klang der Instrumente nimmt uns gefangen und durch den Gesang der Darsteller werden wir bald in eine andere Zeit versetzt – schau mal, dort hinten in dem beleuchteten Fenster des Schlosses! Ist das nicht Sisi, die da verbeischreitet und einen Blick in den Hof wirft? Ist sie wohl auf dem Weg zu ihrem Franzl in das Regierungszimmer?

Als schließlich „Sisi“ und „Franzl“ mit einem Fiaker durch den Ehrenhof Richtung Bühne einziehen und grüßend in die Runde winken, lässt dies das Flair der Kaiserzeit so richtig aufleben.

In diesem Musical, ja einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Musicals überhaupt, dürfen wir einen bunten Reigen aus Glanz und Prunk, aber auch aus Machtkämpfen, Auflehnung und Todessehnsucht erleben. Nach der Märchenhochzeit machen Elisabeth am kaiserlichen Hof die strengen Regeln und die herrschsüchtige Schwiegermutter das Leben zur Qual.

Erzherzogin Sophie:
Weil man nicht soll
Was nach dem Protokoll
Streng verboten ist
Richte dich nach dem Zeremoniell

Kaiserin Elisabeth:
Sie kritisier’n an mir nur herum
Was ich auch will ist verboten
Sie quält mich, sie sperrt mich ein
Hilf mir, laß mich nicht allein!

Ihr Drang nach Freiheit äußert sich in Zerrissenheit und rastlosen Reisen durch Europa; ein schwerer Schicksalsschlag ist schließlich der Selbstmord von Kronprinz Rudolf, an dem sich Elisabeth die Schuld gibt. Das Attentat durch den Italiener Luigi Lucheni setzt ihrem Leben schließlich ein tragisches Ende.

 

Ich gehör nur mir

Einen ganz besonderen Höhepunkt dieser Darbietung bildet für mich das Lied der Kaiserin Elisabeth, in dem sie sich gegen die Bevormundung im kaiserlichen Hof und das strenge Hofzeremoniell wehrt:

Willst du mich belehren
Dann zwingst du mich bloß
Zu flieh’n von der lästigen Pflicht
Willst du mich bekehren
Dann reiß ich mich los
Und flieg wie ein Vogel ins Licht!

Und will ich die Sterne, dann finde ich selbst dorthin
Ich wachse und lerne und bleibe doch wie ich bin
Ich wehr mich bevor ich mich verlier
Denn ich gehör nur mir

Ich warte auf Freunde und suche Geborgenheit
Ich teile die Freude ich teile die Traurigkeit
Doch verlang nicht mein Leben
Das kann ich dir nicht geben
Denn ich gehör nur mir!
Nur mir!

 

Dieser Song wird einfach so wunderbar einprägend vorgetragen, die einzelnen Worte schallen eindringlich über den mittlerweile dunklen Ehrenhof, der Refrain schwebt über den Köpfen der Zuschauer, die fasziniert der Darstellerin lauschen und diese Worte „Ich gehör nur mir“ sind es auch, die mich auf dem Heimweg durch das nächtliche Wien begleiten und mir schließlich noch weiterhin in Erinnerung bleiben. Auch wenn der Inhalt dieses Musicals natürlich künstlerisch aufbereitet ist, wenn nicht jede Handlung, jedes Wort, jedes Ereignis komplett den Tatsachen entspricht, so wird mit diesen Worten, mit diesem Songtext doch viel vermittelt.

In einer Zeit, in der strenge und starre Regeln den Ablauf bestimmen, in der persönliche Freiheit noch keinen besonderen Stellenwert hat, ist hier eine junge Frau oder zu Beginn eigentlich noch ein Mädchen, das sich in seiner Lebensfreude, in seiner Lebenslust über diese Einschränkungen am kaiserlichen Hof hinwegsetzt.

Ja, hier kommt Elisabeth mit ihrem Freiheitsdrang, sie lässt sich von den höfischen Konventionen nicht einschüchtern, nein im Gegenteil, sie setzt sich zur Wehr, sie versucht mit aller Kraft für ihr persönliches Glück, für ein zufriedenes Leben, für ihre Lebensträume und Lebenswünsche zu kämpfen. Mit den Worten „Ich gehör nur mir“ will sie dann ausdrücken, dass sie sich nur selbst treu sein muss, dass sie sich nicht von anderen beherrschen oder sich Vorschriften für ihr persönliches Leben machen lassen will. Sei dies ein bestimmtes Hofzeremoniell, seien dies die Ansichten ihres Gatten oder seien dies die Vorschriften ihrer Schwiegermutter.

 

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Sie vertritt in einer traditionsbehafteten Zeit auch schon moderne Gedanken und entscheidet selbst, was ihr guttut und auch was sie selbst machen will – so lässt sich die Kaiserin Elisabeth unter anderem mit 51 Jahren einen Anker auf die Schulter tätowieren. Da wäre es wohl spannend das Gesicht vom Franzl oder gar erst das von ihrer Schwiegermutter Erzherzogin Sophie mit ihrem entsetzten Satz „Sie passt nicht hierher“ zu sehen.

 

Kinder

Doch auch im Laufe unseres im Gegensatz dazu modernen Lebens stoßen wir auf diesen Satz. Ich denke hierbei doch gleich mal an die kleinen Kinder, von denen so Aussagen kommen wie „Die Mama gehört nur mir“, damit wollen sie sicher nicht ausdrücken, dass sie ihre Mutter beherrschen und über sie bestimmen – obwohl das sicherlich einigen beim nächsten Wunsch nach einem Eis oder einer Nascherei gefallen würde -, hier denken sie doch eher daran, dass sie zu ihnen zugehörig ist.

Sie meinen hier wahrscheinlich statt „Die Mama gehört mir“ eigentlich „Die Mama gehört zu mir“. Es wird dann kein richtiges Machtverhältnis ausgedrückt, sondern einfach nur eine Zuordnung.

 

Körper, Geist und Seele

Doch was bedeutet eigentlich dieser Satz „Ich gehör nur mir“ – was umfasst dieses „Mir“ eigentlich, wie definieren wir es? Es beinhaltet sicherlich einmal das Körperliche und sagt dann aus, dass wir entscheiden, was wir mit unserem Körper machen und was mit unserem Körper passiert, ob wir uns die Haare lang wachsen lassen, ob wir sie färben, welche Kleidung wir tragen, welche Speisen wir zu uns nehmen, ob und welchen Sport wir betreiben, aber auch welche Behandlungen wir im Krankheitsfall wollen. Ein Punkt, der auch das Körperliche betrifft und der immer wieder zu kontroversen Diskussionen führt, ist die Frage, ob der Mensch selbst sein Ende bestimmen darf, unabhängig davon, ob es sich um Suizid oder Sterbehilfe handelt. Aber dies würde hier jetzt zu weit führen.

Doch zu dem Begriff „Mir“ gehört nicht nur das Körperliche, nicht nur mein Körper, mit allem was ich damit tue, gehört mir. Es geht weiter, wir umfassen damit auch weitere Bereiche, so gehören doch auch unsere Gedanken und unsere Ideen zu uns, welche Ansichten wir zu bestimmen Themen vertreten, wie wir uns gegenüber anderen Menschen äußern, wie wir überlegen und Probleme regeln, welche Pläne wir schmieden und welche Hoffnungen und Phantasien wir haben.

Schließlich gibt es auch noch die Psyche, es geht um unsere Gefühle, um unsere Freude und unseren Ärger, unsere Glücksgefühle und unsere Frustration, doch auch um die Beziehung zu anderen Menschen, sei es nun der Partner, die Familie, die Freunde, die Kollegen, die Nachbarn. Auch das „gehört nur mir“, auch das macht mich ja schließlich aus, auch das gehört zu meiner Person.

 

Schönbrunn-Wonderfulfifty

 

So jetzt haben wir mal das Unmittelbare abgehandelt – Punkte, die wir uns gehörig gleich mal definieren, die wir auch gegebenenfalls verteidigen, falls jemand unangenehm oder unerwünscht in unseren Bereich eindringt. Es gibt aber auch noch Weiteres, das eigentlich uns gehört und das doch manchmal etwas unüberlegt freigegeben und an andere übergeben wird. Dabei brauchen wir doch nur an ein Verkaufsportal im Internet denken. Wenn wir nach etwas gesucht oder etwas gekauft haben, dann werden uns beim nächsten Aufruf doch sofort wieder ähnliche Artikel vorgeschlagen. So ist hier also etwas von mir hinterlegt, was wir teilweise vielfach einfach als gegeben hinnehmen und uns gar keine Gedanken mehr darüber machen. Unsere Daten, seien es nun Kundenkarten für die diversen Geschäfte, seien es Spuren, die wir im Internet hinterlassen, überall wird etwas von uns verwendet, wird auf etwas zugegriffen, das uns gehört und wo wir dann quasi teilweise nicht mehr Herr über uns selbst sind.

Ein Punkt ist meines Erachtens auch noch wichtig an dieser Phrase „Ich gehör nur mir“ – wir sollen uns wirklich Gedanken machen, was wir wollen, was für uns gut ist und wie wir mit unserem „mir“ umgehen wollen und dabei nicht etwa mal aus Trotz anderen gegenüber handeln. So nach dem Motto „Der will mir etwas vorschreiben“ oder „Ich lasse mir doch nicht sagen, was ich zu tun habe“, um dann ohne genaueres Überlegen einfach etwas Anderes oder etwas Gegenteiliges zu machen, egal ob das dann gut ist oder nicht, sondern quasi nur um nicht das Vorgesagte, das Empfohlene, den Rat anzunehmen, um nicht Ansichten von anderen trotz überzeugender Argumente zu übernehmen.

 

So nach diesem Abstecher in die Geschichte Österreichs, in die Kultur Österreichs und ein bisschen Gedankenplauderei freue ich mich schon auf deine Antwort, deine Ansicht, deine Meinung:

Hast du schon mal ein Open-Air-Musical besucht oder kennst du vielleicht sogar das Musical „Elisabeth“? Wie siehst du die Worte „Ich gehör nur mir“ aus dem Song von Elisabeth?